Das Wasser und die, die es lesen können
Der Prolog in seiner jetzigen Fassung. Er stellt die Welt auf, in der ihr arbeitet, und hört auf, bevor der erste Auftrag beginnt.
Vier Reiche und was sie am Laufen hält
Vier große Inselreiche teilen sich eine Welt aus Wasser: das alte Ondare, das ihm von Rebellen entrissene Vonda, das reiche Malngard und das rauchende, technisch geprägte Radowa. Zwischen ihnen liegen hunderte kleine Inseln, die davon leben, dass die Großen sie nicht vergessen.
Was diese Welt in Bewegung hält, ist Sehtran, ein türkis leuchtendes Sekret aus der Tiefsee. Unter Druck ist es stärker als jede andere Ressource, die sich in Mengen fördern lässt. Es treibt die Schiffe und die Fabriken, glimmt in den Straßenlaternen, hebt die Kräne, wärmt die Kessel und füllt die Patronen. Wer irgendwo ein Ventil öffnet, verbraucht ein Stück Tiefsee. Gefördert wird es mit Pumpen aus großer Tiefe, auf uralten Anlagen mitten im Meer raffiniert, verschifft und schließlich verheizt.
Wer das Meer lesen kann
Das Meer, aus dem Sehtran kommt, ist über die Jahrhunderte immer bösartiger geworden. Die Ungezähmte Weite, wie die Menschen sie nennen, wird von Generation zu Generation wilder und stürmischer, und ruhige Reisen gibt es seit langem nicht mehr. Überqueren kann sie nur noch, wer das Meer lesen kann: wer aus Wellenbild, Wind und Farbe nach Jahren der Übung spürt, wo die See ruht und wo sie tötet. Diese Wenigen nennt alle Welt die Fernwasser-Korsaren.
Sie sind der Lieferdienst der Welt. Ohne sie fährt nichts, und deshalb wagt niemand den offenen Kampf gegen sie. Sie fahren für und gegen jedes der vier Reiche, und das meiste, was sie fahren, ist gewöhnliche Fracht: Getreide, Werkzeug, Post und Ablösungen für die Stationen draußen auf den Riffen.
Eines aber fahren sie nie: den Krieg. Keine Kriegsflotte, keine Invasion, keine Blockade, gleich wer zahlt und wie viel. Und niemand kann sie dazu zwingen, denn das Meer liest nur, wer in Ruhe liest. Ein Korsar in Ketten liest gar nichts, ein Korsar mit dem Lauf im Nacken erst recht nicht. Ihre Gabe lässt sich nicht nehmen, nur geben, und für den Krieg geben sie sie nicht. So hält nicht die Weite allein die Flotten fest, sondern das Nein der Gilde.
Eine eiserne Regel
Was eine Macht der anderen noch antun kann, passt in eine einzige Lieferung: Gewehre für Ondare-Treue in Vonda, Kreditpapiere für einen gekauften Statthalter, ein Ingenieur, der Radowa mit Plänen im Kopf verlässt. Für den Empfänger ist so eine Fracht ein Gewinn, für den Herrn der Insel, an der sie anlandet, eine offene Wunde: Waffen in der Hand seiner Aufständischen, ein Überläufer, den er hatte behalten wollen. Also wehrt er sich, mit seinen eigenen Leuten, auf seinem eigenen Boden.
Was niemand tut, ist sich an den Korsaren, an Fernwasser selbst zu vergreifen. Das kann er sich nicht leisten, denn nächste Woche trägt dasselbe Schiff seine eigene Kiste. Also gilt eine eiserne Regel, die nicht auf Ehre beruht, sondern auf nacktem Eigennutz: Gekämpft wird um die Fracht, nicht gegen den Boten. Nur steht der Bote mit der Fracht an Land, mitten im Zugriff, und wer die Ladung aufhalten will, muss durch die Crew, die sie trägt.
Warum die Weite wütet
Was fast niemand weiß: Die Weite wütet nicht ohne Grund. Das Meer ist weit mehr als Wasser. Es ist ein gewaltiger, lebendiger Organismus, älter als alles andere auf dieser Welt, und die Pumpstationen ziehen keine Beute aus der Tiefe, sondern saugen ihm die Lebenskraft aus, ohne es zu bemerken. Der Organismus zahlt es zurück, langsam und geduldig, ohne Unterschied, wen es trifft. Es geschieht so schleichend, dass niemand den Zusammenhang sieht.
Niemand außer den Korsaren. Sie können das Meer nicht nur lesen, sie verstehen als Einzige, warum es sich wehrt. Anfangs haben sie versucht, die Menschen zu warnen, aber geglaubt hat ihnen keiner. Also halten sie den Schaden seither so klein wie möglich. Die Pumpstationen draußen auf den Riffen hängen am Lieferdienst wie ein Kranker am Tropf: Ohne Nachschub und Ablösung ist eine Station in einem einzigen Winter Geschichte. So entscheiden die Korsaren seit über fünfhundert Jahren mit, welche Station gedeiht und welche vergessen wird.
Es ist ein Daumen auf der Waage, mehr nicht, und mehr darf es nie werden. Eine Welt ohne Sehtran würde verhungern, und leiden würden zuerst nicht die Verursacher, sondern die kleinen Inseln. Ein Stationssterben, das nach Muster aussieht statt nach Wetter, wäre außerdem sofort das Ende der Neutralität, von der die Gilde lebt. Also bleibt es bei einer Station hier und einer Route dort, damit kein Verdacht entsteht.
So stirbt die Weite langsamer, als sie müsste. Doch die Gilde wird alt. Die Lehre in Fernwasser dauert sieben Jahre und macht nicht reich, die Raffinerien zahlen feste Löhne, und die Jungen bleiben lieber im sicheren Land, statt ihr Leben in der Weite aufs Spiel zu setzen. Niemand plant für den Tag, an dem der Letzte stirbt, der das Meer noch lesen kann.
Eure Crew
Ihr seid eine Crew des Lieferdiensts, aber nicht die, von der man in Fernwasser gern erzählt. Das Nein der Gilde hält nur auf, was übers Wasser will, und der Daumen auf der Waage reicht nur bis zu den Stationen. Für alles andere braucht es eine Hand, zu der sich niemand je bekennen wird, und das seid ihr. Wo eine Fracht in die falschen Hände zu geraten droht oder eine Anlage zu viel aus dem Meer zieht, fahrt ihr hinaus. Dazwischen fahrt ihr, was jede Crew fährt, bezahlt von wem auch immer gerade zahlt, denn nichts tarnt besser als das ehrliche Geschäft. Wer von euch das Meer liest, bringt euch dorthin, wo sonst niemand hinkommt, doch was an Land zu tun ist, erledigt der Rest mit Handwerk und Stahl. Auf dem Wasser kommt keiner an euch heran. Verwundbar seid ihr nur an Land, in der Spanne zwischen Anlandung und Ablegen. Geht es schief, hat euch nie jemand geschickt. Und nicht jeder Auftrag ist das, wonach er aussieht.
